Ist die Republik Türkei mittelbar bedroht?

Dieses Thema im Forum "Aktuelle Ereignisse" wurde erstellt von NeoAslan, 15 April 2014.

  1. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Gemeint war, dass die Türkei schon seit langem, nach meinem Verständnis seit Atatürk, spätestens seit den verschiedenen Militärdiktaturen, den islamischen Zenit überschritten hat. Dorthin führt auch kein Weg zurück. Selbst im Iran ist der Islam nur eine Äußerlichkeit. Man muss ganz tief in die Provinz oder zu den Jihadisten reisen, um auf Gesellschaften zu stoßen, die vom Strom der Säkularisation nicht erfasst wurden.
     
  2. Msane
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    Msane Well-Known Member

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    Wie kommst du darauf?
    Der Großteil der ärmeren Volksmassen war immer religiös, weder säkularisiert, noch islamistisch, einfach nur islamisch religiös, das war nie anders.
    Und mit Erdogan haben diese Menschen heute einen Mann als Präsident der auch ihre Interessen vertritt.


    .
     
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  3. Alubehütet
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    Alubehütet Well-Known Member

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    Guckst Du hier:

    antifa.com
     
  4. Zerd
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    Zerd Well-Known Member

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    Die Türkei und ziemlich zeitgleich auch die türkische Community hier in Deutschland hat eindeutig ab Ende der 70er Jahre in Folge der Machtergreifung Khomeinis, dem Iran-Irak-Krieg und der Regierungszeit Özals nach der letzten Machtergreifung des Militärs eine Islamisierung in dem von mir beschriebenen Sinne erlebt.

    Es floss damals ziemlich viel Geld, vermutlich vor allem aus Saudi-Arabien in (sunnitische) religiöse Organisationen, religiöse Schulen wurden wiedereröffnet, die vormals noch verboten waren, ihre Absolventen erhielten großzügige Stipendien für Auslandstudien, es wurden sogar Holdings und Aktienfonds gegründet, die gezielt die religiöse Bevölkerung ansprachen und mit Verzicht auf Zinsen u.ä. warben.

    Wir bekamen das auch in der süddeutschen Kreisstadt ganz konkret mit, in der ich damals lebte: während für die religiösen Bedürfnisse der türkischen Gastarbeiter seit Ende der sechsziger Jahre ein kleiner Raum im Arbeiterwohnheim ausreichte, wurden zwischen 79 und 82 allein drei Moscheen eröffnet, mehrere Korankurse für Kinder und Jugendliche angeboten, die es vorher auch nicht gab, und zahlreiche Männer mittleren Alters, die in den Siebzigern ihre Zeit noch mit Kartenspielen im Klubhaus meines Vaters verbrachten und an Wochenenden Fahrgemeinschaften bildeten, um das Bahnhofsviertel in Frankfurt zu besuchen, fingen plötzlich an, ihre gesamte Zeit in Moscheen zu verbringen und aus dem Koran zu zitieren. Und: der schlimmste Finger wurde natürlich zum Imam! Damals erfolgte die (Re-)Islamisierung der Bevölkerung quasi über Nacht und war mit Händen zu greifen.

    Das ging etwas über ein Jahrzehnt so weiter, bis verschiedene Entwicklungen Anfang der Neunziger zu einem Umdenken und einer Art Modernisierung innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe führten. Und zwar wurde zum einen die Vorgängerpartei der AKP immer erfolgreicher, wobei einige Funktionäre (unter ihnen auch die späteren Funktionäre und Amtsinhaber der AKP-Regierung) immer wieder Ärger wegen verfassungsfeindlichen (eben antilaizistischen) Äußerungen bekamen. Als sie als kleiner Koalitionspartner in einer Regierungskoalition beteiligt wurden, gab es ganz konkrete Drohungen vom Militär, dass diese das nicht hinnehmen werde, weshalb es dann auch bald wieder Neuwahlen gab. Außerdem wurde die Partei verboten, ebenso wie ihre Nachfolgepartei und deren Nachfolgepartei, bis zuletzt von den reformorientierten Politikern dieser Parteien die AKP gegründet wurde. Und in dieser Phase gab es eben immer wieder auch Übergriffe von religiösen Eiferern und Fanatikern, von denen der Brandanschlag in Sivas eben der schlimmste und folgenreichste war.

    Im Zuge dieser Entwicklungen setzte sich immer mehr die Überzeugung durch, dass der politische Islam in der Türkei nur eine Zukunft hätte, wenn sie auch für die gemäßigten Laizisten wählbar wurden, die bis dahin eher präferierte rückwärtsgewandte, fundamentalistische Auslegung des Islam überwunden wurde hin zu einer moderneren, mit der Moderne verinbaren Auslegung, für die dann eben die AKP stehen wollte und dann auch die ersten Wahlen, bei denen sie antrat, gewann.

    Sie sah sich von Anfang an als demokratisch-konservative Partei und hat die Wahrnehmung als demokratisch-muslimische Partei sogar abgelehnt, was in den Nullerjahren auch im westlichen Ausland überwiegend so gesehen wurde. Aber die Betonkemalisten pflegten von Anfang an das Narrativ, dass es sich nur um einen Scheinwandel handelt und da der islamistische Wolf im demokratischen Schafspelz daherkommt, was in den Nullerjahren ein Hirngespinst war und von der Bevölkerung auch entsprechend mit Wahlergebnissen zwischen 10 und 20% quittiert wurde. Sie bekamen erst wieder Auftrieb im Laufe des letzten Jahrzehnts, als das Wirtschaftswachstum abflaute, immer mehr eine Distanzierung vom westlichen Ausland erfolgte die Polarisierung im Land im Zuge von Gezi, dem Putschversuch und der Syrienkrise sich immer mehr anspitzte.
     
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  5. sommersonne
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    sommersonne Well-Known Member

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    Da unterschätzt du den Glauben aber sehr. Im Iran ist der Glauben noch sehr präsent, nur die jungen Leute in den Städten wünschen sich einen weniger strengen Islam.
     
  6. Berfin1980
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    Berfin1980 Well-Known Member

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    Die Schneeflocke sagt ja....ich bin aber sauer auf alle Autokraten und Kriegstreiber....vor allem wenn sie Wahlbetrug, ethnische Säuberungen, Rassismus und ganz viele andere Handlungen präferieren.
    Ich schreibe es immer wieder, der sogenannte Schwarze Block hat in Hamburg ein zweites Duisburg verhindert. Das kannst du jetzt abstreiten oder es auch einfach unterlassen zu antworten.

    Und bevor du jetzt kommst mit illegaler Demonstration, war es nicht angemeldet und genehmigt war sie schon.

    An sich dürfte dir ja das wofür sie einstehen gefallen, Entmietung, bezahlbarer Wohnraum? Nicht? Dann habe ich mich ziemlich getäuscht.

    Aber mit dem Thema sind wir hier falsch.....aber sowas von.
     
  7. sommersonne
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    sommersonne Well-Known Member

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    Ich streite es nicht ab. Dafür habe ich zu wenig Kenntnisse. Ich unterlasse es deshalb mal zu antworten.

    Nein, sie war selbstverständlich angemeldet. Rechtfertigt eine korrekte Anmeldung die Randale? Ich finde nein tut sie nicht.

    Ihr Thema bezahlbarer Wohnraum gefällt mir schon. Ich hatte auch nichts gegen die Hausbesetzung in der Ludwigstraße. Die war gewaltlos, bis auf das eindringen in das Haus. In der Gegend habe ich ja gewohnt und bin oft an dem Haus vorbei gelaufen. So schwer kam man da nicht hinein.
    Die Demo danach in Connewitz war es nicht, ganz im Gegenteil. Anwohner meinten das waren nicht nur Connewitzer, sondern sie kamen auch von außerhalb.
     
  8. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Die Religiösität "der ärmeren Volksmassen", die du in der Stadt findest, lässt zu wünschen übrig.
    Auf dem Land haben wir es dagegen nicht mit "Volksmassen", sondern mit kleinen Dörfern und Provinzstädtchen zu tun, wobei letztere bereits eine "Elite" regiert, die Wasser predigt, aber Wein trinkt. Oder glaubst du, dass der Bauer im Dorf aus religiösen Gründen aufhört, seinen Schnaps traditionell zu brennen? Oder am Freitag, nachdem er die Familie zum Eisessen ausgeführt hat, nicht ein Spielchen wagt und anschließend mal guckt, was im zweiten Hinterhof angeboten wird? Meinst du, die Türken, Araber, Iraner usw. haben erst in Europa die Welt kennengelernt und zu Hause laufen sie mit dem Gebetsteppich unterm Turban herum? Du hast Vorstellungen!
    Warum glaubst du denn, dass Erdogan die islamische Kultur bzw. die islamischen Werte wieder prominent vertritt? Weil die Religion eine zunehmend kleinere Rolle im Land spielt, also der Zenit des Islam längst überschritten ist. Nur durch die Erhöhung des Islam zur nationalen Religion (die der Islam nicht ist), punktet Erdogan. Gerade dies zeigt, dass die Säkularisation in der Türkei weit fortgeschritten und die Religion etwas Äußerliches geworden ist.
     
  9. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Der Iran ist sehr verstädtert - im Unterschied zur Türkei.
    Hinzu kommt eine relative Liberalität der (iranischen) Nomaden in Religionsfragen.
     
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  10. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    @Zerd
    Ohne Zweifel hat es das Bestreben einer Re-Islamisierung der Türkei gegeben und war (vor allem unter Türken im Exil) erfolgreich. Aber alles das zeigt nur, dass die Säkularisation bereits vollzogen ist. Gesellschaften entwickeln sich nicht zurück, ihr Entwicklungsgang kann allenfalls verzögert werden. Aber auch nicht auf Dauer. Das gilt selbst für zementierte Erbfolge-Regierungen wie in NK oder SA. Die Geschichte hält nur selten an. Wenn sie es tut, dann nur für einen Augenblick, nämlich dann, wenn es knallt und alle wie gebannt hinschauen (Benjamin).
     
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