lieber Zerd

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mar

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AW: lieber Zerd

.........................[...]
Wo ist da die schöne Erfahrung der Kindheit verschwunden, das Vorbehaltlose, die Geduld, dem " Gebabbel" Wert beizumessen. Hier glaubt man plötzlich nur Dahingesagtem ...Man vertraut sich selbst und seinem Gefühl nicht mehr...Wie kann es sein, das Worte plötzlich so ein ungleiches Gewicht bekommen zu dem , was tief in der Seele verankert sein müsste, nämlich das Urvertrauen zu sich selbst, das Wertegefühl, das Selbst....
Man vertraut Projektionen und Trugbildern, man vertraut einer Sprach"verformung" . Es ist mir selbst manchmal unheimlich , wie aus dem guten Sinn von Worten etwas total anderes aus dem Mündern der Menschen heraussprudeln kann. [...]

Man braucht eine Sprache , wo die Kluft zwischen dem Gesagten und dem tatsächlich Gemeinten verschwindet. Das braucht Geduld, Zeit, Zuwendung und vor allen Dingen Bereitschaft. . Selbst meine Muttersprache ist für Überraschungen gut. Jeden Tag mache ich die Erfahrung, das die Worte die ich weiß, immer wieder eine neue Bedeutung haben. Selbst , wenn ich nur lausche oder lese...Jeden Tag "arbeite" ich mich an die Sprache ohne Worte heran...um dann doch wieder diesen Worten einen Sinn zu verleihen, wenn ich sie dann ausspreche.
Ich schütte praktisch Sand auf, um die Sprachinsel zu vergrößern, um Land zu erreichen, um es mal in der Metapher zu sagen. Um so mehr freue ich mich , wenn vom Land gegenüber auch alles getan wird , das Insel und Land sich annähern. Und das ist wirklich schön, das es auch hier geschehen kann, in einem Forum wo man zweisprachig postet und trotzdem innerhalb dieser Zweisprachigkeit so viele andere Sprachen und Wahrnehmungen entdeckt, die das Leben bereichern . Selbst wenn sich mal ein Schweigen einstellt ... auch Schweigen ist eine sehr tiefgründige Sprache...Schweigen hebt die Worte hervor, die gesprochen werden.... ( aber das ist schon eine andere Überlegung wert ...)

MAR


liebe Lale, fast zwei Jahre ist es her, das ist eine lange Zeit , würde man es an unseren Empfindungen messen; eine kurze Zeit, würden wir die Endlosigkeit als Zeitmesser sehen. Und mehr als zwei Jahre ist es her, das Turgay das "Philosophische" im Forum eröffnet hat . Wer hätte damals gedacht, das sich nach anfänglicher Scheu, immer mehr und mehr Mitglieder des Forums auf diese Seite wagen und wenn ich sehe, wieviel Gedanken um die Tiefe und Bedeutungsschwere der Worte kreisen, gibt mir das Hoffnung, daß das Schöne der Sprache nicht nur wegen ihrer Ästhetik wiedergegeben wird, sondern weil die Schönheit der Sprache auch all das Schöne wiedergeben kann, was wir Betrachter sonst nur auf visuellem Wege erfassen.
Schönheit des Menschen ist ja , so irritierend aus auch klingen mag, etwas Oberflächliches.

Ich halte mich mit dieser momentanen Erkenntnis an dem Erleben mit der Literatur fest, an der stillen Besitznahme von Worten. Denn Oberflächliches ist etwas, was sich verändern kann, wenn die Zeit darüber streicht ...

Damals, vor zwei Jahren hatten wir beide uns auch über die Sprache unterhalten , haben wir versucht das, was wir tagtäglich benutzen , wieder mit Kinderaugen zu sehen, oder als etwas, obwohl es davonfließen kann, Bestand hat im Geschriebenen.
Seither ist die Zeit durch uns hindurch, hat sich niedergelassen , hat Begegnungen zugelassen und Worte konserviert in unseren Gedanken.

Mir kommen in der stillen Zeit des Winters immer wieder Gedichte in den Sinn, die als schwarze Buchstaben schon auf Papier gebracht, im Regal darauf warten, wieder gelesen zu werden . Diese Verse sind eine stille Sinfonie, eine Huldigung an das Leben an sich, denn alles , was voller Sehnsucht, Liebe oder Trauer das Dasein des Menschen streift, findet Platz im Stillen, ja ich meine sogar Platz im fast Unaussprechlichen.

Trotzdem gehe ich auf Wanderschaft durch diese Welt aus Sinnbildern, Metaphern und glasklarer Erkenntnis. Worte der Wissenschaft bringen in Berechnungen, Statisken und Analysen an die Oberfläche und jedes Wort befestigt die Bedeutungen wie Mauersteine in ein Gebäude aus Logik und Bestimmung ; Gedichte und Geschichten jedoch erwandern die Zwischenräume , suchen die Leere und füllen diese oft nur mit einem Hindurchhuschen.

Doch hin und wieder, und mit zunehmender Lebenszeit geschieht es, das man dem Hindurchhuschen , diesem stillen Raum zwischen zwei Wörtern eine Bedeutung geben kann. Immer wieder kehrt man dann zu diesem Ort zurück, der im Vorübergehen uns eine Ahnung von etwas vermitteln konnte... mitunter wird die Sehnsucht, dieser Ahnung ein Gesicht zu geben ist so groß, das wir uns auf die Suche begeben nach Buchstaben, die Wörter bilden, und Wörter, die Sätze bilden.
Wir wägen ab, ob sie zueinander passen und sprechen sie laut aus, um zu erfahren, ob das tiefe Bild, was sie in uns offenbaren, auch an der Oberfläche der Sprache Bestand hat. Plötzlich gesellen sich zum ausgesprochenen Wort Appositionen wie Allegorese, Metapher, Umschreibung, Verfremdung... und stellen fest, das mit dem Hervorbringen an die Oberfläche sich das Sinnbild wandelt, verwässernd verschwimmt .

Das gleiche Wort, welches sich im Raum zwischen Denken und Aussprechen als "unser" Bild einen Teil des Ich’s ausmachte, droht nun wie Wasserfarbe, die zuwenig Farbpigmente aufgenommen hat, zu verlaufen . Und wieder halten wir inne, denn dieses "Verwässernde" an der Oberfläche der Sprache scheint auf den ersten Blick gar nichts mit uns zu tun zu haben. Die Momentaufnahmen, die Wahrnehmungen, aus denen Geschichten und Gedichte entstehen, dehnen sich plötzlich zu einem großen, Gewässer, welches zwar im Schein des Lichtes, auf das es nun trifft, eine farbige Heiterkeit ausstrahlt, aber so gar nichts mehr mit der mystischen Tiefe des Schweigens gemeinsam hat.


Und doch haben beide etwas, was sie wie eine Nabelschnur verbindet, denn diese Stille , die manche Worte brauchen und dieser Lärm, mit dem sie in die Welt treten werden von uns gestaltet.
Das Mysterium unseres geistigen Werdens und Seins werden in einem großen Maße vom Denken bestimmt , doch das Denken scheint nur der Multiplikator zu sein, der die Vielzahl der Wahrnehmungen und Emotionen zu den Worten formt, die uns noch tiefer in der Seele anrühren wollen und dann doch lange in den Zwischenräumen der Sprache ruhen.

Die Gespräche , die in den Anfängen des Philosophischen Forums bestimmten, wurden durch Gedichte angeregt. Klingt das nicht absurd, das die schweigenden, in den Zwischenräumen der Sprache lebenden Worte das hervorbrachten, was oftmals selbst für uns unverständlich bleiben müsste; hätten wir nicht ... ja hätten wir nicht ...

Manchmal werden wir gefragt, warum wir hier schreiben. Selbst auf die Gefahr hin, das es einige Menschen nicht verstehen, öffnen wir die privateste Kammer in unserem Sprachhaus . Wir lassen das, was in der Tiefe unter den Worten lebt, ihre Bedeutungen, ihre Bilder, ihre Schatten an die Oberfläche unseres Seins ... So hätte man die Frage anders formulieren können : warum man denn so denkt, denn es hätte es dasselbe bedeutet, als wenn man fragen würde , warum fühlt man .

Liebe Lale, an anderer Stelle, und gerade kürzlich hatten wir über die Schönheit der türkischen Lyrik gesprochen. Ihre Feinsinnigkeit und ihre tief berührenden Worte.
Als ich einige Gedichte las, musste ich irgendwie "stehenbleiben" . Ich konnte einfach nicht weitergehen. Ich musste verweilen . Und meine Seele ruhte in den Zwischenräumen aus- immer noch suche ich nach den Worten, die diesen Bildern gerecht werden können.
Worte und Sprache - das sind nie endende Abenteuer , eine nie endende Reise zu den Menschen.


Ganz tief im Dunkel
ist Deine Welt so leuchtend.
Du schließt die Augen.

MAR ,5.12.2008
 
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mar

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AW: lieber Zerd

nichts ist so bedeutungsvoll zu erkennen, das die bedeutungslosigkeit die quintessenz dessen ist, was das ganze ausmacht. natürlich sehen wir die welt aus verschieden perspektiven und das muss so sein, weil die sicht aus verschiedenen richtungen die möglichkeit gibt, das ganze auch wirklich zu erfassen.
auch wenn mein fokus nur einen sichtwinkel zulässt, weiss ich doch, das mein eingeschränkter sichtwinkel nur den sichtbaren blick erfasst, und der unsichbare winkel das nichtsichtbare „sichtbar“ macht.
bedeuten, deuten ( deuterium= das zweite, das schwere wasser) kann nur die reflektion sein vom ersten. ich bemühe mich stets , meine worte zu finden, zu schildern, was ich unter ganz – fühlen verstehe, erst einmal ausgeklammert von dem, was andere unter ganz-fühlen zu papier bringen

das , was mich ausmacht, ist ein inneres wissen oder eine innere reife, die nicht ständig von aussen aktiviert werden muss, denn sie ist in sich aktiv, so ich reflektiere alle situationen, gefühle und fragmente, die mein inneres ersuchen, zu vervollständigen.
ganz zu machen. ganz zu fühlen. ich bin ganz.
etwas zu „bedeuten“ ( zu umschreiben) , heisst, von der ursprünglichkeit , die man eigentlich nie benennen kann, einen schritt zurückzutreten. wie ich schon versuchte zu erklären, ist das, was ich lesen kann oder herauslesen kann- bedeutungslos , weil der wert der bedeutung sich anders gewichtet und zwar immer dann, wenn man den sinn der wahrnehmung verändert hat.
wahrnehmung ist das , was ich für wahr nehme. ganz sein ist nicht das problem, denn wir sind ganz- aber sich ganz fühlen, also auch als ganzes wesen erkennen , das ist das, was „aktiviert“ werden muss.

im paradoxen liegt die wahrheit – liegt eine erkenntnis ... leider windet man sich durch das erfinden von sprachhülsen am wesentlichen vorbei, und dabei braucht man keine hülsen, denn das „gefäss“ , das sinngebende gefäss ist der mensch selbst, der durch sein tun und handeln den worten den sinn verleiht, die sie in ihrem ungesprochenen ursprung bedeuten. letztendlich ist schon das erwähnen einer bedeutung eine verfälschung des ursprungs ( ich denke mal an den eremit, der schweigend seinem selbst genügt) ...das erkennen dessen, was wir als den sinn des lebens umschreiben, lässt einen weisen sprachlos sein und nur im wirken seines erkennens wissen wir, er oder sie , das die sinngebung des lebens nicht in worten verborgen ist, die aufgeschrieben wurden , sondern ich erkenne mich als fragment in all diesem sinn. das ich bin... macht sinn, weil es das du ermöglicht.

sein(s)erfahrung ist eine schmerzliche geburt. und wie auch immer andere ihr sein erfahren, es ist die ihre ...die anders ist, aber das gleiche ergebnis oder erkenntnis nach sich zieht ( alle wege führen nach rom) ich kann immer nur ganz ich sein- die existenzielle erfahrung, die geistig oder körperlich den menschen für sich selbst sichtbar macht , ist die , die dem existenziellen nichts am nächsten kommt. man erkennt sich und in diesem moment wird es ganz und gar unwesentlich, ob das gegenüber davon wissen muss...denn würde ich meine erkenntnis des ALLES oder des NICHTS einem anderen als das wahre heil oder ganzsein suggerieren; es würde nicht funktionieren. so funktionieren auch heilslehren nicht dort, wo man schon heil-oder ganz ist.

sich als ganzes zu erkennen, braucht paradoxerweise das wissen um seine eigene „fragmenthaftigkeit“. letztendlich hat jeder diese „geburt „ erlebt, vielleicht als streit, der an grenzen stösst, als zweifel, als eigene hinterfragung, als schmerz, der am körper nagt, als intuition, als ausflug in die geistigen welten , doch immer sind wir ganz, auch wenn man schläft, und meint, das wir das vergessen könnten im traum ...



MAR

und wie immer bei meinen beiträgen ©
 
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mar

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AW: lieber Zerd

lieber zerd, dein name als pseudonym für alle , die in dieser ecke des forums lesen, hat nunmehr einige jahre überdauert- und schön, das du noch auffindbar bist... der kurze gedanke als splitter eines fast vergessenen refugiums , des briefeschreibens mit dem zwecke des nachsinnens um dinge, die etwas mehr bedürfen, als nur das aussprechen oder des zurückbleibens eines fragezeichens; wie die frage nicht unbedingt einer antwort bedarf, weil sie selbst schon antwort ist.
und doch raubt manche frage den wörtern beim aussprechen jeglichen inhalt, weil das was, wie, warum nur eine fixierung ist von etwas abstrakten. des öfteren sogar kehrbilder dessen, was man sagen will . das schöne an dem aussprechen ist, das es sich aus einer gedankenwelt heraus zu etwas wandelt, was man fast anzufassen könnte- ein ding ohne dinghaftigkeit , und doch eine wirklichkeit, die freischwebend über allem stehen kann, weil sie dem, was noch kein ausgesprochenes wort ist, eine möglichkeit gibt, sich dem dinghaften anzunähern.

zeit ist, wie wir schon seit jahren darüber debattieren und philosophieren, etwas, was dinghaft daherkommt, ja fast wesenhaft; wir geben der zeit raum und begrenzung, indem wir sie zu stückwerk verarbeiten, zu tagen, wochen, jahre und sekunden, momente- und doch ist sie nur ein provisorium , die uns eine fragile heimat zusichert...
der einfache alltag in seiner manchmal erdrückenden einfachheit geht an die substanzen- oft meint man, das der höhere sinn des seins in dieser ständigen wiederkehr verloren ginge, und dabei ist es gerade diese einfachheit der wiederholungen, die alle strukturen des lebens an sich jeden tag für uns erfahrbar und erkennbar macht. egal was wir tun, selbst wenn man alles unvorhergesehene als außerkraftsetzen des eigenen lebensentwurfes bestätigt wissen wollen; es ist nur das ein kurzes moment, der uns zum nachdenken zwingt , und wir dennoch das triviale tun –
das triviale, was uns davor schützt, unaussprechliche wortgebäude fürs dasein zu konstruieren, denn nichts anderes ist es, das dasein... eine zeiträumliche , unser denken begrenzendes provisorium ...
das einfache im alltag, das wesenhafte der dinge, das benennen von gegenständen, die wir berühren, sind vorstufen zum sein, welches vom da-sein bis zur vollendung geführt werden.
geht etwas zu bruch , ist es nicht mehr... so glauben wir zumindest , und wir brauchen diese splitter und scherben nicht unbedingt...

dasein und sein sind abstrahierungen, die wir uns zugestehen in dem glauben, das beides dasselbe sei. und dabei macht man doch tagtäglich ganz andere erfahrungen, die zwar das dasein , auch das der dinge begrenzt relativieren und somit benennbar machen , aber das sein als geheimnisspendendes ewige beunruhigt uns und glaubt uns wissen zu machen, das wir in dieses ewige ganz und gar eingehen, verschmelzen, wenn das dasein endet.
eine kurze zeitspanne –und doch angefüllt von daseiendem und auch dem abwesendem ...so ist dieses halbe jahr , das ich hatte, um der noch heimatlosen neuen wohnung meinen atem einzuhauchen.
als ich die decke meiner wohnung anstreichen wollte , rieselte das stroh und der putz auf mich hernieder und mit allerlei werkzeug und meinem tun habe ich mir das dach über dem kopf repariert. dort etwas und da etwas, und die zeit schmolz zusammen und es war "arbeitszeit" kaum freizeit, die mir blieb.
langsam aber sicher kommt die zeit, wo ich wieder etwas mehr zeit aufbringen kann , mich auch wirklich umzuschaen und die gegenstände und möbel, die situationen und erinnerungen an altes wieder ihren ursprünglichen namen erhalten: heimat für die heimat in mir selbst...

es fehlte zuweilen an gestaltenfülle, an der nahrung , die eine gute tasse kaffee zum kaffee macht- die kaffeehäuser, wo man sitzen, zeitung lesen und palavern kann, so recht aus dem stegreif , und dann gehen einem manchmal die gedanken durch, wenn der kopf raucht . nirgends habe ich diese lust am so garnicht sinnfreien schwatzen erlebt , als in der alten habsburger monarchie. ich erinnere mich an den kaffee nach dem guten essen. mein vater hat ihn immer getrunken, dessen familie hat diesen brauch aus der alten donaumonarchie bis ins heute bewahrt.
doch nach den momenten der zerrissenheit und des erkennens von verlusten , zwischen kindheit und dem umherziehen in fremden städten , zwischen dem hinüberretten von familieren bräuchen, blieben nur bruchstücke erhalten, die aus alt neu machen können, wenn man die fragmente wieder in eine brauchbare form bringen kann.

bräuche haben es etwas heimatliches an sich, so denke ich zuweilen. mich deucht, ich hatte mal so etwas ähnliches schon gesagt, deshalb wiederhole ich mich hier nicht.

bräuche – braucht man und so allerdings schlägt es wieder den bogen zum neuen heim, welches langsam wieder zu dem wird, was es in der alten wohnung war....
es ist paradox, doch der sinn des "verlassens der heimat" als verlust zu empfinden , ist nicht wahr. wie schon an anderer stelle es immer wieder durchscheinig wird- "heimat" ist man doch immer selbst. anfangs scheint es, das man beim verlassen des vertrauten fast so trauert, wie um einen menschen, und wenn ich daran denke, wie sehr mich damals die schiefe tür meines badezimmers an die familie sahin** erinnerte, an ihr zweites zuhause , oder besser an ihre neue heimat...

wie das triviale auf gegenstände und situationen zielt ( denn triviales muss einfach sein...) um sich nicht im dschungel entglittener gedanken wiederzufinden ; dann ist es wohl eine wahrheit, die man im seinsprozeß macht: abschiede sind das vorübergehende reduzieren der wirklichkeit. sie sind eine kurzfristige bedeutungsschwere trauer, die , wie hier zum beispiel, die heimat in eine begrenzung zurückwirft.
hier die tür , die für das eintreten und hinzukommen einer ganzen familie stand – und doch nur eine zeitsequenz sein kann für 15 jahre lebens in der alten, und nun auch von mir verlassenen wohnung. da auch das rattern und vibrieren der u-bahn, die symbolisch für das immerwährende kommen und gehen stand, für menschen, die unwissentlich durch mein leben hindurchfuhren ...

das diese erinnerungen mehr als bloße ästhetisch-anmutende darbietungen meines lebens sein müssen, mehr als grenzhaftes, welches sich auf jahre festlegen lässt, erfahre ich nun wieder neu.

mag sein, das es der frühling mit der erneuerung von immerwährendem leben wiederum einen flüchtigen blickwechsel erlaubt mit den dingen , die man verloren, entschwunden oder versteckt glaubt, aber die wirklichkeit der jahreszeiten , ihres einfachen daseins , welches das menschliche sein in hochgefühle und lebensfreude katapultiert, sie macht, das sich die vermeintliche leere wieder füllt.
fast bin ich geneigt zu sagen, es sei das helle, gelbe licht, welches sich wie der sorglos-anmutende schleier einer braut über alles noch winterliche legt; aber es ist eigentlich der schatten, die tanzenden linien der äste eines baumes, die vom licht künden. wäre der schatten nicht, würde ich das licht nicht erkennen und auch nicht benennen können.
das einfache, das eigentlich immer vor unseren augen seiende ist es, was dem leben jede doppelsinnigkeit nimmt und das sein klar umschreiben.
es ist nicht an magisch heraufbeschworenen bedingungen gebunden , nicht ans rätselhafte oder unsichtbar verworrene, wie die wurzeln jenes baumes , es ist einfach da. das was, warum und wie wird unwichtig
benennen muss es nicht . man muss es nur sehen.

mar 2009


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http://silkandpaper8.wordpress.com/?s=fr%C3%BChlingstag+nach+meinem+geschmack



 
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mar

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AW: lieber Zerd

....ab in den Süden! Ein Wort , welches beflügelt. Alleine schon das Wort Süden zergeht auf der Zunge , wie schmelzendes Eis. Man schließt vielleicht die Augen und sieht, wie ein Dampfer vorbeizieht auf einem See, oder man erahnt den Duft von Kräutern und wilden Blumen auf einer Sommerwiese. Im Süden scheint alles leicht zu sein; die flatternde Kleidung, die Brise vom Meer, der Sommerwein, eine zaghafte Liebe...
Dort in der warmen Sonne genügen Sandalen, die uns leichten Schrittes bis hinunter ans Meer tragen.

Das Kreuz des Südens, der Südpol, südliche Gefilde, südliches Temperament, alles kann man in den Süden hineinlegen, sogar die Leichtlebigkeit eines Kusses an einen Fremden oder den heißblütigen Flamenco der spanischen Gitano's...
Wem geht dieses Wort nicht leicht von den Lippen : ich fahre in den Süden! Unser Gegenüber wird uns beneiden, denn wenn er zu Hause bleiben muss ... Wem wünscht man nicht, das er mal von allem Abstand gewinnt ...

Doch was ist " Zuhause" ? Ein Haus? Eine Wohnung? Ein Raum ? Ist Zuhause nicht auch der Mensch, mit dem ich dieses "Haus" teile . Bin ich selbst nicht mein eigenes Zuhause ? Ist Zuhause auch nicht der Gedanke oder auch das Wort und die Sprache, die man täglich benützt?
Diese Gedanken kamen mir gerade eben, als ich meine Koffer packe, den letzten Schliff sozusagen meiner Reisetasche gebe, und dann, als alles soweit eingepackt war, ich nicht umhin konnte, doch noch einmal schnell mein Zuhause zu säubern. Es mag paradox erscheinen, das man das Haus , was man man ohnehin ein paar Wochen nicht bewohnen wird , so auf Hochglanz bringt, als käme morgen ein Gast.
Und im gleichen Moment dachte ich: aber was mache ich nun mit meinem Gedanken-Zuhause ?
Ich dachte mir: ja Reisen und verreisen ist die Reinigung für meine Gedanken. Fortsein, Wegsein von eingefahrenen Dingen; den Gedanken eine andere Richtung geben, sie erlösen vom Alltäglichen.

Und was ist mit dem virtuellen Zuhause? Mit dem "second life" an Nachmittag, an manchen Abenden? Wieviel Einfluss hat ein Wegsein, ein Urlaub, eine Reise in den Süden auf die virtuelle Welt, die ich zurücklasse und sie sogar vergessen kann. Schließt man auch einfach die Tür ab, steckt den Schlüssel ein und geht seiner Wege?

Schauen wir mal, was die Reise in den Süden bewirkt . Und ob alles so sauber und geputzt bleibt, wie man es verlassen hat .

Ich wünsche allen, das sie , wo immer sie sind, ihr Zuhause als Sommerdomizil genießen können. Euch allen einen schönen Sommer.
MAR
 
M

mar

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AW: lieber Zerd

http://www.turkish-talk.com/782543-post75.html

Nichts war mit dem Süden! Denn der Süden war der Norden eines anderen Landes- gleich unter dem Süden auf der Landkarte.
Wie man sich täuschen lassen kann von einem Wort, welches Wärme verspricht und nach Sonne schmeckt.
Während auf der nördlichen Seite meines Südens ein Schneesturm tobte, kletterte die Quecksilbersäule wenigstens auf vier Grad auf der südlichen Seite.
Was für ein unwirtliches Zuhause! Auch wenn es nur ein temporäres Dach war, welches mich behütete und vor den Stürmen des Wetters behütete, es war doch ein Zuhause- mit allem was dazu gehörte.
Nein- doch nicht ganz, denn das Putzen haben die fleißigen Kolonnen der Frauen übernommen, die schon ab 3 Uhr nachts leise durch die Gänge huschten und in Blitzesschnelle den Staub und Dreck wegräumten, den andere tagsüber gemacht haben.
Die Philosophie des Putzens möchte ich nun nicht gerade langatmig erörtern, aber es hat eben alles irgendeinen Haken, in den man die philosophische Leiter einhängen könnte.
Früher, als ich noch lange Überlandreisen machte und in Länder fuhr, deren Namen man kaum kannte, war die Ankunft auf einem Bahnhof DER Haken, wo ich mich mit meinen Gedanken einklinkte. Die langen Zugfahrten durch die Anden oder die außergewöhnlichen Routen, die mir beschert wurden, wenn ich mal in einen falschen Zug einstieg, der auch noch in eine andere Richtung fuhr- oder die erheiternde Begegnung mit einem Camper, der seinen Jahresurlaub tatsächlich auf dem Motorrad fahrend verbrachte....all das und diese Menschen und diese Kulisse eines Bahnhofs dort war irgendwie bereinigend. Dieses gemächliche Dahinfahren reinigte meine Gedanken vom Alltag.
Ich bin mir nicht so ganz sicher, warum mich dieser Zusammenhang zwischen Reisen und Reinigen immer noch so beschäftigt. Mag sein, das es der tägliche Blick auf den Schlamm der Dorfstrassen bewirkt hat oder aber die Reise nicht lang genug war. Damals gab ich mir alle Zeit der Welt und habe oft nicht einmal gewusst, welcher Tag denn heute sei.
Die Gemächlichkeit eines Urlaubstages hat heute fast keine Bedeutung mehr. War früher die Reise das Mysterium des Fortgehens, der Versuch, die Ewigkeit festzuhalten, so ist heute das Reisen oft der Verlust von Stetigkeit, das Verlieren seines Selbst. War Reisen früher das Erweitern der Erkenntnisse, so scheint es heute für den Abenteurer die Mitnahme aller seiner Gewohnheiten zu sein. Mit all dem alltäglichen Ballast und mit all dem Staub des Zuhauses, welcher er eigentlich im guten Vorsatz zu Hause lassen wollte.

Komme ich nun zurück zur Putzfrau. Ich entdeckte sie einmal, als ich die Treppe herunter kam, wie sie gedankenverloren mehrere Minuten lang auf einer Stelle wischte... Ihr Blick ging in die Ferne, und es war ganz und gar offensichtlich, das auch ihre Gedanken ihrem Blick hinterherschickte. Ganz tiefe graugrüne Spiegel waren ihre Augen in diesem Moment. Durch mein Herannahen schreckte sie auf und wir kamen ins Gespräch. Natürlich fragte ich sie, wo sie mit ihren Gedanken war- und sie lachte glücklich auf und meinte: Zu Hause.
 

Zerd

Well-Known Member
AW: lieber Zerd

Zeit, meine liebe Mar, ist vielleicht nur eine Illusion, ein Hilfsmittel; ein Kunstwerk, unserer Kreativität geschuldet; ein Schutzschild, unsere Angst umhüllend. Gesetzt, es gäbe sie ncht, sondern nur das Sein, jetzt und immer und alles auf einmal; müssten wir dann die Zeit nicht erfinden, allein schon um Ordnung in dieses Chaos zu bringen, um dieses Sein zu beseelen, um aus Viel Wert, um aus Bunt Schön zu machen?

Die Urvölker Mittelamerikas hatten auf ihrem Kompass fünf Himmelsrichtungen verzeichnet, zu den uns bekannten vieren kam dort noch die fünfte, die Mitte hinzu. Das ist, wo wir sind, wo wir stehen, die Richtung und Ausdehnung unseres Seins. Wie Du aus Deinem Urlaub schon so schön berichtest, ist der Süden nichts weiteres als der Norden eines südlicheren Landes, so lässt sich jeder Punkt zu einem anderem und jede Himmelsrichtung zu einer anderen relativ begreifen. Aber wie steht es mit der Mitte? Ist sie nicht einzigartig, unverrückbar, ohne Gegenstück? Müssten wir uns nicht auf der Suche nach ihrer Gegenrichtung an die Unendlichkeit heranwagen, käme sie dafür nicht am ehesten in Frage?
 
P

Pit63

Guest
AW: lieber Zerd

Zeit, meine liebe Mar, ist vielleicht nur eine Illusion, ein Hilfsmittel; ein Kunstwerk, unserer Kreativität geschuldet; ein Schutzschild, unsere Angst umhüllend. Gesetzt, es gäbe sie ncht, sondern nur das Sein, jetzt und immer und alles auf einmal; müssten wir dann die Zeit nicht erfinden, allein schon um Ordnung in dieses Chaos zu bringen, um dieses Sein zu beseelen, um aus Viel Wert, um aus Bunt Schön zu machen?

Die Urvölker Mittelamerikas hatten auf ihrem Kompass fünf Himmelsrichtungen verzeichnet, zu den uns bekannten vieren kam dort noch die fünfte, die Mitte hinzu. Das ist, wo wir sind, wo wir stehen, die Richtung und Ausdehnung unseres Seins. Wie Du aus Deinem Urlaub schon so schön berichtest, ist der Süden nichts weiteres als der Norden eines südlicheren Landes, so lässt sich jeder Punkt zu einem anderem und jede Himmelsrichtung zu einer anderen relativ begreifen. Aber wie steht es mit der Mitte? Ist sie nicht einzigartig, unverrückbar, ohne Gegenstück? Müssten wir uns nicht auf der Suche nach ihrer Gegenrichtung an die Unendlichkeit heranwagen, käme sie dafür nicht am ehesten in Frage?

So wie ich es erlebe, hat auch die Mitte eine Richtung. Sie führt aus der Horizontalen der Zeit in die Vertikale des zeitlosen Seins. Diese Tiefendimension ist "zu jeder Zeit" gegenwärtig. Das ist die Ewigkeit des formlosen unmanifestierten Seins, das allem Seienden innewohnt.

Aus der Tiefe seiner Mitte entspringt der Fluss der physikalischen Formen. Das Seiende, die Formen ergiessen sich dem Gesetz der Entropie entsprechend an der Oberfläche nach allen Seiten ins Raum-Zeit-Kontinuum in ihre Existenz, in ihr Da-Sein.

Das Eintrittstor in die Tiefendimension führt durch die Erfahrung des sich selbst gegenwärtigen Bewusstseins- jenseits des vorstellenden Denkens, das seinerseits Form ist. Als Seiendes ergehen sich Gedankenformen wie physikalischen Formen dem Fluss der Entropie gemäss in die Zeit. Beide Formenarten bestehen aus der Energie des Bewusstseins und sind ihrem Wesen nach nicht voneinander zu trennen.

Die Illusion der Zeit ist mit dem vorstellenden Denken untrennbar verknüpft. Sie verdichtet sich in dem Masse, in dem der Mensch sich mit den kommenden und gehenden Gedanken und Formen "im Geiste" identifiziert. Wird er sich dagegen- plötzlich oder allmählich- seiner formlosen geistigen Identität bewusst, löst die angenommene Identiät als mit sich selbt identifizierte Form auf.

Darin besteht die Erleuchtung, die Erlösung, das Erwachen in dem Reich, das nicht von dieser Welt ist.
 
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mar

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AW: lieber Zerd

.............so lässt sich jeder Punkt zu einem anderem und jede Himmelsrichtung zu einer anderen relativ begreifen. Aber wie steht es mit der Mitte? Ist sie nicht einzigartig, unverrückbar, ohne Gegenstück? Müssten wir uns nicht auf der Suche nach ihrer Gegenrichtung an die Unendlichkeit heranwagen, käme sie dafür nicht am ehesten in Frage?


Lieber Zerd,( willkommen nach langer Zeit, oder ist es ein Auftauchen aus der Unendlichkeit.....)
auf der Suche nach dem Selbst, nach dem Sein, nach dem Sinn dessen, warum wir als Menschen einander begegnen, habe ich des öfteren auf der Reise hier in all unseren Beiträgen Station gemacht. Wenn ich heute, nach all den Monaten zurückblättere, dann stelle ich fest, das wir uns nicht auf die Suche nach der Mitte begeben müssen, denn die Mitte ist immer in uns. Eher würde ich denken, das man sie immer wieder neu lokalisieren sollte...
Die Unendlichkeit, oder wenigstens die Ahnung ihrer ist , so habe ich es erfahren, wie die Triebfeder zu den Reisen zu uns selbst.
 
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Pit63

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AW: lieber Zerd

Lieber Zerd,( willkommen nach langer Zeit, oder ist es ein Auftauchen aus der Unendlichkeit.....)
auf der Suche nach dem Selbst, nach dem Sein, nach dem Sinn dessen, warum wir als Menschen einander begegnen, habe ich des öfteren auf der Reise hier in all unseren Beiträgen Station gemacht. Wenn ich heute, nach all den Monaten zurückblättere, dann stelle ich fest, das wir uns nicht auf die Suche nach der Mitte begeben müssen, denn die Mitte ist immer in uns. Eher würde ich denken, das man sie immer wieder neu lokalisieren sollte...
Die Unendlichkeit, oder wenigstens die Ahnung ihrer ist , so habe ich es erfahren, wie die Triebfeder zu den Reisen zu uns selbst.

...wessen ich mir erst im Laufe der Zeit bewusst wurde. Der Anschein des darin liegenden Paradoxons trügt jedoch. Vielmehr vermute ich, dass gerade in dem Verbergen und Entbergen des Seins in der Zeit der Sinn des Daseins liegt.
 
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