Spiegelgate

Bintje

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5 Mai 2018
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Lesenswert!: das jetzt erschienene Buch von Juan Moreno über den Relotius-Skandal beim "Spiegel".

"1000 Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus" (Rowohlt, 288 Seiten, 18 € als TB und 14,99 € als e-book) erzählt kühl, lakonisch und mit scharfem Blick, spannend, aber nicht reißerisch von dem Skandal, der nicht nur den "Spiegel" im vergangenen Winter in seinen Grundfesten erschütterte.

Bemerkenswert: Moreno, der den Hochstapler praktisch im Alleingang enttarnte und nach wie vor frei für das Hamburger Magazin schreibt, geht sorgsam und beinahe sanft mit seinem Brötchengeber um, schont ihn aber auch nicht. In seiner Einleitung schreibt er:
"Dieses Buch ist keine Abrechnung. Nicht mit dem "Spiegel". Nicht mit meinen damaligen Chefs. Nicht mal mit Claas Relotius. Auf der anderen Seite ist es auch keine Auftragsarbeit. Der "Spiegel" wird es nicht mögen. [...]
Und dann erfährt man, dass der "Spiegel", der allen Grund hätte, sich ausgiebig bei seinem freien Mitarbeiter zu bedanken, ihm "keinerlei Informationen, keinerlei Dokumente zur Verfügung gestellt" hat:
"Es fand keinerlei Kooperation statt. Meine Interviewanfragen wurden teilweise von der Rechtsabteilung geprüft und abgelehnt. Von einer "Rückendeckung", wie es hieß, kann keine Rede sein. Es wurde aber auch nicht versucht, das Buch zu verhindern."

Wenigstens das. Um die Kälte im Haus an der Ericusspitze auszuhalten, braucht's offenbar mehr Honorar, als andere Blätter zahlen oder enorm viel Herzenswärme, Integrität und Loyalität. Oder alles davon. :)

Moreno erzählt beispielsweise vom Making-Of der letzten großen Geschichte ("Jägers Grenze"), die Relotius schrieb, bevor der zum Ressortleiter aufsteigen sollte. Da Moreno gegen seinen Willen an dieser Reportage beteiligt war, zitiert er aus einer Mail seines damaligen Ressortleiters, die mehr mit einer dezidierten Regieanweisung als mit einem Recherche-Auftrag zu tun hatte. Er bewertet nicht, richtet nicht, er beschreibt nur, aber das genügt schon.
Denn natürlich gibt es sie, Ressortchefs und Chefredakteure, die 'ihre' Schlagzeile schon im Kopf haben und den Tenor einer Geschichte vorgeben, bevor auch nur ein Detail recherchiert, überprüft und das erste von vielen Interviews geführt ist. Die alles in Schwarzweiß wollen oder knallbunt, am besten vorgestern und jedenfalls so, wie die Realität meistens nicht ist. Das gibt es nicht nur beim "Spiegel". Und dass die Leute, die jahrelang ihre schützende Hand über den Fälscher hielten, beim "Spiegel" inzwischen weg sind vom Fenster, ist tröstlich.
Aber kein Freibrief. Denn wie und warum Claas R. so lange durchkam mit seinen Erzählungen, kann sich m.E. theoretisch jederzeit wiederholen. Überall. Zumindest dann, wenn der Tenor von Geschichten von vornherein feststeht, es kein (mindestens) Vier Augen-Prinzip gibt und keine Belege eingefordert werden.

Immerhin: das hat sich inzwischen geändert. Soll sich weithin geändert haben, heißt es. Nicht nur beim "Spiegel".

https://www.sueddeutsche.de/medien/moreno-relotius-tausend-zeilen-luege-rezension-1.4599762
https://www.welt.de/print/welt_komp...elotius-war-das-Gegenteil-eines-Blenders.html

"1000 Zeilen Lüge" ist ein verdammt gutes Buch. Ein spannendes, glänzend geschriebenes Buch, das man auch - und erst recht - lesen kann, wenn man nichts von Journalismus und schon gar nichts von Journalisten hält.
 

EnRetard

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19 Februar 2017
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Das ist die Tragik des Herrn Moreno. Whistleblower mag man nicht. Er wird auch außerhalb des "Spiegel" auf wenig hoffen können, da der Grundsatz gilt: Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter.
 
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Bintje

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5 Mai 2018
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Das ist die Tragik des Herrn Moreno. Whistleblower mag man nicht. Er wird auch außerhalb des "Spiegel" auf wenig hoffen können, da der Grundsatz gilt: Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter.

Grundsätzlich gilt das schon, aber in diesem Fall wäre ich mir nicht so sicher. Moreno ist gut, ein erfahrener Reporter, handwerklich sehr firm. Aber er schreibt auch ganz offen, dass die Arbeitsbedingungen beim Spiegel besser sind als woanders. Seine Frau arbeitet ebenfalls frei; sie haben vier Kinder.
Da überlegt man sich jeden Wechsel dreimal. ;) Und er ist inzwischen im Auslandsressort.
 

EnRetard

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19 Februar 2017
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Ich kenne seinen Beschäftigungsvertrag nicht. Aber es steht ja wohl außer Frage, dass die Arbeitsplatzsicherheit bei freien Journalisten prekär ist, selbst wenn der Spiegel bessere Honorare zahlt als der Kleinkleckersdorfer Kurier.
 

Bintje

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5 Mai 2018
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Ich kenne seinen Beschäftigungsvertrag nicht. Aber es steht ja wohl außer Frage, dass die Arbeitsplatzsicherheit bei freien Journalisten prekär ist, selbst wenn der Spiegel bessere Honorare zahlt als der Kleinkleckersdorfer Kurier.

Ja klar - natürlich. Man kann ihn jederzeit von einem Tag auf den anderen ohne Angabe von Gründen an die Luft setzen. An irgendeiner Stelle erwähnt er auch, dass man ihn das in der Vergangenheit verschiedentlich habe wissen lassen. So ist es halt. Ich denke, das kennt jede/r Freie, der oder die lange genug dabei ist.
 

Msane

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25 März 2010
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Claas Relotius, der berühmte Social Fantasy Autor.
Selbstdarsteller wie ihn gibt es viele, hart zu kritisieren sind unsere sogenannten "Qualitätsmedien", die einem Hochstapler sämtliche Artikel ungeprüft abkauften, weil sie so gut in den linksliberalen Zeitgeist passten.
Selbst als Zweifel aufkamen, wurden seine Artikel weiter bezogen.


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EnRetard

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19 Februar 2017
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Claas Relotius, der berühmte Social Fantasy Autor.
Selbstdarsteller wie ihn gibt es viele, hart zu kritisieren sind unsere sogenannten "Qualitätsmedien", die einem Hochstapler sämtliche Artikel ungeprüft abkauften, weil sie so gut in den linksliberalen Zeitgeist passten.
Selbst als Zweifel aufkamen, wurden seine Artikel weiter bezogen.


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Und dem von-und-zu Googleberg haben seine gar nicht linksliberalen Fans auch die Füße geküsst. Doofheit ist überparteilich.
 

Alubehütet

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29 Januar 2017
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Wuppertal

Finde ich überhaupt nicht vergleichbar. Was im SPIEGEL stand, war Fakt. Tatsache. Unabhängig von seiner politischen Ausrichtung. Das hat man von Politikern noch nie angenommen, war auch nicht deren Berufsbeschreibung. Klar hatte der SPIEGEL immer eine politische Haltung. Aber was an Fakten drinstand, waren auch Fakten. Das war ein Qualitätsmaßstab auch für politisch gänzlich anders ausgerichtete Gazetten; FAZ. – Ich berufe mich wiederum auf Stefan Niggemeier, der hat für beide gearbeitet.



7. September 1987 haute der SPIEGEL die Barschel-Affäre raus gegen den amtierenden Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins, montags vor der möglichen Wiederwahl am nächsten Sonntag. Niemand würde das in der Zeit verifizieren können. Andere Aussagen beibringen. Barschel gab sein Ehrenwort, er wiederholte: sein Ehrenwort, daß da nichts dran ist. Niemand glaubte ihm, er wurde abgewählt. Und es galt, dem SPIEGEL zu glauben oder Barschels Ehrenwort. Und jeder glaubte dem SPIEGEL. Denn jeder wußte: Was im SPIEGEL steht, ist Fakt.

Und das war es.

Das war eine Vertrauensprobe. Es erschien allgemein unfair, so kurz vor der Wahl solche Vorwürfe zu veröffentlichen. Jedem war aber auch klar: Wenn der Barschel wirklich, wie berichtet, so ein Schwein ist, dann darf er nicht gewählt werden. Wenn der SPIEGEL das jetzt erst veröffentungsreif belegen kann, dann muß er das so kurz vor der Wahl auch tun. Und sich anschließend äußerst härtester Kritik stellen, da sein Bericht mutmaßlich wahlentscheidend sein würde – und auch war.


Dieser Kritik hielt der SPIEGEL stand.




Claas Relotius ist der Gerd Heidemann des SPIEGEL.

Und, ja. Das Relotius' Stories einem bestimmten Publikum gefällig waren, da gebe ich @Msane Recht. Das ist ein Faktor gewesen, nicht so genau hin zu gucken.
 
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