Was man hier vor allem erfährt ist, welch große Bedeutung Symbole und ihre Überhöhung in der Türkei immer schon hatten: unsere Nationalflagge war nie nur eine Natianalflagge, sondern ein Heiligtum, das heute noch auf jedem Hügel von Istanbul (und sicher auch andernorts) in Wohnhausgröße weht und in jedem größeren Straßenzug dutzendfach vorzufinden ist. Unser Staatgründer war nie ein einfacher Mensch oder Politiker, sondern ein halber Heiliger, dessen Porträt in jeder Amtsstube hängt, für den die Geschichte so sehr umgeschrieben wurde, dass man nun noch achtzig Jahre nach seinem Tod darüber streitet, was nun in den Gründerjahren tatsächlich vorgefallen ist und was nicht und dem überhaupt alle der mittlerweile über 70 mio Türken ihre Existenz zu verdanken haben. Unser Militär war nie einfach nur eine Armee, sondern eine unfehlbare verschworene Gemeinschaft zur Erhaltung und Bewahrung der republikanischen Traditionen und des Landes überhaupt gegen alle äußeren und vor allem innere Feinde. In den siebziger Jahren war der Schnurrbart nicht einfach nur ein Schnurrbart, sondern je nachdem, wie Du ihn trugst, konntest Du auf der Straße angesprochen und dringlich aufgefordert werden, ihn zurechtzustutzen oder zumindest doch ganz wegzurasieren, damit Du daran nicht weiter als Staatsfeind ausgemacht wirst und Dir letzten Endes daraus sogar ein Schaden droht. Noch heute wirst Du kaum eine Versammlung linksgerichteter Gruppierungen antreffen, bei denen einige es nicht lassen können, demonstrativ ihre Faust in die Luft zu recken oder an die Schläfe zu halten. Natürlich war in diesem Sinne auch das Kopftuch noch nie nur ein Kopftuch in der Türkei und eben diese zwei Buchstaben auch nicht nur zwei Buchstaben.
Was man in dieser Diskussion also am ehesten noch erfährt ist, welch mechanistisches Denken in der politischen Diskussion der Türkei leider Gottes heute noch vorherrscht und damit meist eine sachliche inhaltliche Diskussion erschwert oder ganz verhindert. Wir sind eben trotz allem noch ein sehr orientalisch archaisch geprägtes Volk, das in weiten Teilen die Moderne übersprungen hat und direkt von feudalen bäuerlichen Verhältnissen innerhalb einer oder zwei Generationen in postindustrielle urbane Strukturen geraten ist. Darum beherrscht die kollektive Symbolik die politische Diskussion noch in weiten Teilen.
Und insofern kann ich dieser zweiten Beobachtung überhaupt nicht zustimmen...
Deutschland hatte seine Erfahrung mit dem Dritten Reich, in dem diese kollektive Symbolik bis zum Exzess getrieben wurde und was lezten Endes in einer Katastrophe mündete. Das war bis auf ein paar Unverbesserliche, die es wohl immer geben wird, eine sehr heilsame Erfahrung in diesem Zusammenhang, weshalb Symbole in der deutschen politischen Diskussion eher eine untergeordnete Rolle spielen.