Rumänien, der "Hidden Champion" der deutschen Wirtschaft
Cristian Ștefănescu
29.09.202329 September 2023
Rumänien ist Deutschlands wichtigster Handelspartner in Südosteuropa. In diesen Tagen wird in Berlin über Möglichkeiten des Ausbaus dieser Partnerschaft diskutiert und der Ton ist unerwartet optimistisch.
Deutsche Unternehmen sehen in Rumänien große Chancen für wirtschaftliches Wachstum. "Es ist der größte Markt in Südosteuropa mit einer starken Industrieproduktion und einem stetigen Wirtschaftswachstum von mehr als drei Prozent", erklärte Volker Treier, Außenwirtschaftskoordinator des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), am Donnerstag (29. September 2023) bei der Eröffnung des zweiten Deutsch-Rumänischen Wirtschaftsforums in Berlin.
Eine optimistischere Rede als die Prognosen der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBR), die ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr für Rumänien (und andere Länder der Region) auf nur 1,8 % des BIP gesenkt hat, gegenüber 2,5 %, wie im Sommer angenommen. Und für das nächste Jahr gibt die EBRD noch niedrigere Zahlen an: 3,2 % Wachstum statt 3,5 %.
Doch Rumänien ist der Hidden Champion für die deutsche Wirtschaft", ein wichtiger Partner, der von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt bleibt, so Treier. Als zweitgrößter Gasproduzent der EU und sechstgrößter Automobilproduzent im gemeinsamen europäischen Markt biete Rumänien bereits sehr attraktive Standortbedingungen.
Die Veranstaltung wird vom DIHK gemeinsam mit dem Ostdeutschen Wirtschaftsausschuss und in Kooperation mit der AHK Rumänien, der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer, organisiert. Neben Regierungs- und Wirtschaftsvertretern aus beiden Ländern ist erstmals auch eine Delegation aus der Republik Moldau unter der Leitung von Premierminister Dorin Recean eingeladen. Neben der Videobotschaft von Bundeskanzler Olaf Scholz am Donnerstag, wurde der zweite Tag am Freitag von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck eröffnet.
Am ersten Konferenztag ging es um Lösungen für eine möglichst marktnahe Produktion, um Forschung und Entwicklung sowie um die Digitalisierung. Heute stehen die Themen Energie und Lebensmittelversorgung im Mittelpunkt der Diskussionen. Laut dem bayerischen Außenwirtschaftsförderungsportal sind sowohl Rumänien als auch Moldawien wichtige Akteure im Agrarsektor mit großem Potenzial im Bereich "Farm to Fork", bei dem es darum geht, die Handelswege zwischen Erzeuger und Verbraucher zu verkürzen und den Pestizideinsatz in den Betrieben zu reduzieren. Dasselbe Portal lobt auch den dynamischen Energiemarkt der beiden Länder.
Deutschlands wichtigster Handelspartner in der Region
Laut DIHK sind in Rumänien mehr als 9.500 Unternehmen mit deutschem Kapital vertreten, was einer Viertelmillion Arbeitsplätzen entspricht. "Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft", sagte Treier. Vor dem Hintergrund der geplanten internationalen Unterstützung für den wirtschaftlichen Aufschwung und die Entwicklung der Ukraine rückt Rumänien durch die geostrategische Nähe noch stärker in den Fokus der deutschen Unternehmen. Von Bedeutung ist auch die enge Partnerschaft Rumäniens mit Moldawien.
Rumänien "ist schon heute der mit Abstand wichtigste Handelspartner Deutschlands in Südosteuropa. Es ist nicht mehr nur ein Ziel für Billigproduktion, sondern ein echter Innovationspartner, vor allem in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Digitalisierung und ökologische Transformation", so Philipp Haußmann, Vorstandsmitglied des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Der Ost-Ausschuss ist die Dachorganisation der Investoren in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, Russland und Zentralasien, also praktisch dem gesamten ehemaligen kommunistischen Block. "Wie in Deutschland steht auch in Rumänien der Umbau des Energiesystems ganz oben auf der Agenda", so Haußmann, der als boomende Branchen die Automobilindustrie, den IT-Sektor, die Energieversorgung und die Lebensmittelindustrie nannte.
Deutsche Investoren optimistisch
Rumänien ist mit seiner wirtschaftlichen Dynamik ein beeindruckendes Beispiel für die erfolgreiche europäische Integration in der Region. Und dieses Beispiel sei auch ein wichtiges Signal an die Vertreter der Republik Moldau, so Haußmann. Moldawien ist seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine im vergangenen Jahr ein Kandidat für die EU-Mitgliedschaft: "Wir brauchen mehr Tempo bei der Erweiterung der EU in Südosteuropa, um einen größeren, global wettbewerbsfähigen europäischen Binnenmarkt zu schaffen." Und "dazu gehört auch die rasche Integration Rumäniens in den Schengen-Raum", so der deutsche Wirtschaftsvertreter abschließend.
Das Geschäftsklima für deutsche Unternehmen, das der DIHK halbjährlich misst, ist in Rumänien positiv: Mehr als 90 Prozent der hier ansässigen Unternehmen bewerten die Lage als gut oder zumindest befriedigend. Ähnlich sieht es bei den Investitions- und Konjunkturerwartungen aus. Die Qualität des Investitionsumfelds in Rumänien hat "ein Niveau erreicht, das wir in unseren weltweiten Umfragen selten so deutlich messen", so Treier.
Das deutsch-rumänische Handelsvolumen betrug im vergangenen Jahr 37,6 Milliarden Euro, ein Plus von 14 Prozent im Vergleich zu 2021. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres stieg es im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 11 Prozent auf fast 24 Milliarden Euro, und die deutschen Direktinvestitionen in Rumänien überstiegen 13 Milliarden Euro.
ics/os (reuters, ag)