Der Fall Khashoggi

Dieses Thema im Forum "Aktuelle Ereignisse" wurde erstellt von Bintje, 20 Oktober 2018.

  1. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Wie wollen wir in totalitär regierten Staaten, das Regime von der Bevölkerung trennen? Im Demokratie-Index belegen die Saudis Platz 159 (von 167). Der "Anhang" reicht ja bis tief in die Stämme und das heißt bis zu jedem einzelnen Saudi. Das Bevölkerungsdrittel der Arbeitsmigranten hat keine politische Stimme in der saudischen Diktatur.
    Khashoggi wird wenige Fürsprecher in Riad haben. Noch weniger unter den Nomaden.
     
  2. sommersonne
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    sommersonne Well-Known Member

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    In Bezug auf die Saudis hast du recht.
     
  3. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Ein totalitäres Regime von innen zu knacken ist immer schwierig, weil es jede Nische des Widerstands aufstöbert. Es geht nur von außen, und selbst dann bleibt es äußerlich, wenn die Gesellschaft gar keine Demokratie will, weil sie z. B. gar nicht bekannt ist. Innen kann kein demokratisches Bewusstsein entstehen, von außen kann es nicht hereingebombt werden. Die einzige Möglichkeit wären Reformen von oben, um eine allmähliche gesellschaftliche Bewusstseinsveränderung herbeizuführen. Solchen Bestrebungen innerhalb der saudischen Prinzengarde wurde mit der Ermordung Khashoggis erstmal eine Absage erteilt, imho.
     
  4. Burebista
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    Burebista Well-Known Member

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    Hier ein interessanter Artikel über iranisch-arabische Beziehungen. https://de.qantara.de/inhalt/iranis...IT2gRz8md1sFfjoJYyPMyoDKxVriCj7on3qZW8bLHry7I

    Ich war mehr als 3 x in Iran und zwar monatelang. Glaube, die iranische Gesellschaft etwas kennengelernt zu haben. Es ist wahr, war seit einem Jahrzehnt dort nicht mehr. Ich schreibe nun, nur was ich dort gelernt habe :)
    1. Die Iraner sind sehr nationalistisch und dabei auch anti-arabisch und anti-türkisch. Anti-arabisch wegen der Nationalität, anti-türkisch (eher anti-TR) wegen der jahrhundertlangen Geschichte und auch wegen der religiösen Strömung. Die Azeris sind auch Türken, aber nicht sunnitisch. Ich werde nie glauben können, dass die Iraner den Staat TR einmal wirklich als Freund ansehen werden. hm.
    Was es die Araber betrifft, unterscheidet man zwischen Halbinslern und Nord-Araber (ehemalige Aramäer). Die Araber aus der Halbinsel werden als Primitive, sogar Eidechsen eingestuft. Die anderen werden auf einer etwa höheren Situation angesehen, als etwa mehrwertig als die Halbinslern. Aber auch nicht viel mehrwertiger.
    2. In der breiten Bevölkerung wird die Religion geschätzt, aber die Mullahs nicht. Habe selbst in Bussen und U-Bahnen gesehen, wie Mullahs mit dem Rücken zu den Leute standen und durchs Fenster starrten. Hatten sich nicht getraut, die Leute anzuschauen. Der Hass aus den Augen dieser Leute war zu groß.
    Man macht wirklich Unterschied zwischen Religion und Klerus, zwischen Religion und den staatspolitischen Islam. Man sagte mir oft, dass Iran post-revolutionär sei, aber die Türkei und andere arabische säkulare Staaten vor-revolutionär, so wie Iran paar Jahre vor der islam. Revolution von 1979. Sodass auch diesbezüglich, die Iraner fortschrittlicher seien, als die Araber und die Türken aus der TR.
    3. Der Islam, sicher der schiitische Islam, ist die staatspolitische Religion in der Islamischen Republik Iran (und zwar in der Fassung von Khomeini, die aber in der allgemeinen Shia nicht als orthodox und maßgeblich gilt). Es stand nie in der Ideologie der Schia, an die Macht zu streben. Für die Schiiten müssten eigentlich alle Machthaber als Usurpatoren gelten, weil die legitime Macht beim Versteckenden Imam liege, der seit mehr als 1000 Jahre verschwunden sei, aber noch lebe (und man glaubt das wirklich, so wie die Christen an Weihnachten und an die Auferstehung Jesu glauben). Den Willen zur Machtergreifung hat Khomeini durchgesetzt, aber gegen die eigene Tradition der Schia. Erst Khomeini hat diese Neuerung gebracht, dass es legitim sei, im Namen des 12. Imams provisorisch zu regieren, bis der sich entscheidet, wieder zu kommen... Das wissen alle in Iran, auch die Jugendlichen. Falls ein Jugendliche nicht Atheist ist, sondern religiös, weiß er bescheid, dass Khomeini die Revolution gegen den Schah ausgenutzt hat, um an die Macht zu kommen. Dieser politischen Version des Schiismus der Islamischen Republik Iran glaubt keiner mehr in Iran. Sogar die Mullahs nicht.
    4. Aber diese politische Version des Schiismus der IRI wird von den iranischen Staatspolitiker als geostrategisch gut empfunden. Geostrategisch im Sinn der Durchsetzung der iranischen Superiorität gegenüber den Arabern. Der heutige staatpolitische schiitische Islam in Iran wird so angesehen, wie auch die russischen Zaren das Ostchristentum angesehen haben, als Mittel zur Durchsetzung des eigenen nationalen Imperialismus. Wobei die Iraner immer die politische Seite achten, die Schiiten aus den arabischen Staaten ausnutzen, aber kein Interesse haben, dass sich eine neue politische Version des politischen Islams (insbesondere in Irak) durchsetzen kann. Denn die könnte der offiziellen nicht glaubwürdigen, aber iranischer (!) Version aus Tehran schaden.
    5. Die Leute in Iran wissen was die Staatspolitiker treiben. Sind gar nicht glücklich. 2009 versuchten sie die grüne Revolution. Diese wurde in Blut beendet. Später begann der arabische Frühling und dessen Früchte. Die Grünen schienen etwas verstanden zu haben und zogen sich zurück, versuchten einen Ausgleich mit der Regierung zu finden. Das auch Interesse hatte, einen Ausgleich zu machen. In den letzten 2 Jahren, habe ich im Netz erfahren, fanden soziale Demos statt. Die Grünen von 2009, die Jugendlichen und deren sozialle Klasse von damals waren nicht beteiligt.
    6. Die politische Allianz der Regierung mit Russland gefällt nicht allen. Die Iraner wissen auch, dass man den Russen nicht trauen kann. Deswegen haben auch die Grünen 2009 auf den Straßen skandiert: marg bar Russieh, Tod (oder Nieder) mit Russland. Und auch mit China. Die Allianz mit den arabischen Schiiten gefällt auch nicht. 2009 wurden Araber gebracht, gegen die Grünen auf den Straßen zu kämpfen. Später gingen Iraner nach Syrien usw usf.
    7. Bin mir nicht sicher, dass es ein Krieg zwischen Iran und Israel beginnt. Beide Völker sind zu gescheit und zu vorbereitet darauf. Israel-Hass gibt es in der iranischen Bevölkerung nicht, nur Respekt. Anti-Arabismus und Mehrwertigkeitskomplex gegenüber den Arabern gibt es aber schon. Wenn der Krieg von anderen beginnt und es eskaladiert, dann können die IR und die IS einschreiten. Aber, nach meinem Gefühl, werden sie sich nicht gegenseitig auf ihren eigenen Territorien schlagen. Auch nicht in einem vermutlichen Weltkrieg.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18 Februar 2019
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  5. Burebista
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    Ich weiß nicht, ob es stimmt. Habe gelesen, dass bis 1977 die Linken in Israel die Wahlen immer gewonnen haben, weil ihre Wählerschaft bedeutender war. Einige Jahre nach 1977 waren die Linken und die Rechten in der Wählerschaft ziemlich gleich bedeutend und viel. Später seien die Linken proportionell weniger gewonnen, sodass die Rechten jetzt immer die Mehrheit der Wählerschaft machen. Wenn es so ist, dann bleibt Bibi ständig an der Macht... Die Linken fliehen aus Israel und die Rechten machen ihre Politik... Stimmt es?
     
  6. Berfin1980
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    Berfin1980 Well-Known Member

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    Na vielleicht hilft dir dieser Artikel ......

    Aber er hat auch leicht regieren angesichts der Bedrohungen und dem besetzen von hohen Posten mit seiner Gefolgschaft.
     
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  7. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Die Linke in Israel lebte bis zum Generationswechsel durch die Einwanderer aus der SU von europäisch und säkular sozialisierten Juden, denen die Flucht rechtzeitig gelungen war. Diese Linke ist - wie in Gesamteuropa (einschließlich der Türkei) - inzwischen eine Minderheit geworden. Die Welle des Populismus lässt keine Demokratie aus. Nur Diktaturen sind vor ihr geschützt, weil die schon einen Schritt weiter sind. Siehe Saudi-Arabien, wo der König sich nicht populistisch bei seinen Untertanen anbiedern muss, um seine Milliarden als Öl-Exporteur und Hüter des heiligen Grals zu scheffeln.
     
  8. sommersonne
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    sommersonne Well-Known Member

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    Irgendwie biedert sich das Königshaus auch an, durch Geld natürlich. Keine Steuern für Bio-Saudis. Die Saudis, auch der Geringste, dürfen ihrem König bei einer Audienz ihre Sorgen vortragen und dann wird geholfen wenn möglich.
     
  9. Msane
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    Msane Well-Known Member

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    Es ist umgekehrt, Diktatoren sichern sich ihre Macht durch Geldgeschenke und Vorzüge für die Leute des Volks die sie unterstützen und die Vorteile genießen.
    Auch eine Diktatur hat nur soviel Macht wie ihr vom Volk zugestanden wird.
    Je klammer der Geldbeutel, umso geringer die Loyalität des Volks zur Diktatur.
    Die Golfmonarchien sitzen fest im Sattel weil sie dank des Erdöls über genug Finanzmittel verfügen um ihr Volk ruhigzustellen.


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  10. Bintje
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    Bintje Well-Known Member

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    Es gibt jetzt einen ausführlichen Bericht einer Uno-Sonderberichterstatterin für extralegale, standrechtliche und willkürliche Hinrichtungen. Er enthält u.a. den Inhalt der Tonbänder zum Mord, die dem türkischen Geheimdienst vorlagen. Ausgesprochen brutal und schon in den bei Spon wiedergegebenen Details schwer erträglich...

    https://www.spiegel.de/politik/ausl...e-details-zum-mord-im-konsulat-a-1273261.html

    Das war ein kalt geplanter Mord von Sadisten. Die französische Menschenrechtsexpertin Agnès Callamard, die den Bericht für die Uno erstellt hat, empfiehlt dringend weitere Untersuchungen der Uno sowie auch persönliche Sanktionen gegen MBS.
     
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