Bist Du grundsätzlich der Meinung, dass Putin eine militärische Diktatur errichten muss, um in Russland an der Macht zu bleiben?
Ich habe ganz anders argumentiert. Ich habe gesagt, dass Putin die nächsten drei Jahre (vermutlich seine letzten Jahre im Amt) so nutzen soll, dass er eine ordentliche Nachfolge regelt, um dadurch die Rechten, d. h. die Diktatur (die letztlich immer eine militärische ist), zu verhindern. Wenn Putin das hinbekommt, dann ist die Opposition, ob aus den nationalen, rechtsextremen oder liberalen Milieu keine Gefahr für den Staat, sondern einfach die Opposition, also ein Parteienspektrum in Konkurrenz mit der gegenwärtigen Regierungspartei.
Tendenziell, auch das habe ich gesagt, sehe ich Russland eher in Richtung Demokratie als in Diktatur gehen. Dafür hat das ehemalige kommunistische Bildungssystem, vielleicht ungewollt, den Weg geebnet. Ich halte Putin nicht für einen rückwärtsgewandten machtbesessenen Autokraten, sondern für den rationalen Verwalter eines riesengroßen Landes am Scheideweg. Nawalny hat nur ein wenig Dynamik in den Prozess gebracht, so dass Entscheidungen schneller getroffen werden müssen als geplant. Es hätte auch jemand anders sein können, so wie es bereits auch schon andere gab, z. B. die Pussy Riots. In dieser Sache hat Putin einen sehr großen Fehler gemacht, als er den Rechten jeglicher Coleur nachgab.