Brexit - das Phantom

Dieses Thema im Forum "Politik- und Geschichtsforum" wurde erstellt von Mendelssohn, 3 Mai 2017.

  1. Bintje
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    Bintje Well-Known Member

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    Es gibt nicht ganz Wenige, die ihn deswegen für einen Lexiteer halten, einen Befürworter des Brexits aus dem linken Spektrum. Genau das Bild hat er abgegeben und deshalb auch Remainer vor den Kopf gestoßen, die sich von Labour eine deutliche Pro-EU-Haltung erhofften.

    Hoffentlich tut er das. Das könnte noch interessant werden.

    Geradezu tröstlich fand ich auch den gestern in der SZ erschienenen Gastbeitrag von Timothy Garton-Ash, auf Europäische Studien spezialisierter Historiker an der Universität Oxford. Lesenswert! Zitat:

    "Der Kampf gegen den Brexit ist verloren. Der für ein europäisches England hat gerade erst begonnen. Als wir Remainer zu Hunderttausenden mit improvisierten Plakaten und europäischen Flaggen durch die Straßen Londons zogen, kämpften wir nicht nur um die britische Mitgliedschaft in einer Reihe europäischer Institutionen. Wir kämpften auch für eine bestimmte Idee von Großbritannien, und darin enthalten, England: offen, tolerant, international, staatsbürgerlich und zivilisiert, mit einem Bewusstsein für die sozialen Grundfesten individueller Freiheit, nicht nur für ihre rohen wirtschaftlichen Ausdrucksformen.

    Diese Werte verbinden uns mit Millionen anderer Europäer. In diesem Sinne zogen wir ebenso sehr für ein europäisches England durch die Straßen. Und dafür können wir uns auch weiterhin einsetzen."

    https://www.sueddeutsche.de/politik...2xbPP-NkOnBf-5Ylj1ajJa2Z8iGEH9RERX5wDTXLagZuE

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  2. EnRetard
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    EnRetard Well-Known Member

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    Die Bischöfin von Dover, Rose Hudson-Wilkin, hat die Auseinandersetzung um den Brexit mitverantwortlich gemacht für den Mord an der Abgeordneten Jo Cox. Im BBC Radio 4 sagte sie, die gesamte Gesellschaft sei durch die Sprache in der Debatte beschädigt worden. Auf die Frage der Interviewerin, ob sie denke, die Art und Weise, wie die Politiker miteinander redeten, habe zum Tod von Jo Cox beigetragen, antwortete die Bischöfin: "Die Art und Weise, wie wir zu diesem elenden Thema miteinander umgegangen sind, hat dazu beigetragen. Wenn Sie sich daran erinnern, was der Mann gerufen hat, als er unserer lieben Schwester Jo Leid zugefügt hat, dann wissen Sie, dass der Ton, den wir untereinander benutzt haben, dazu beigetragen hat." (Der Attentäter hatte "Britain first" gebrüllt, als er mit einer Schusswaffe in der Hand auf Jo Cox zustürmte). Quelle: https://www.theguardian.com/politic...se-contributed-to-death-of-jo-cox-says-bishop
    ---------
    Rose Hudson-Wilkin ist seit einem Monat anglikanische Bischöfin von Dover. Zuvor war sie die dem Sprecher des Unterhauses beigeordnete Geistliche ("Chaplain to the Speaker of the House of Commons").
     
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  3. Bintje
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    Bintje Well-Known Member

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    Tataaa .. er ist aufgewacht. Unsanft. o_O Den Sprachtest hat er zwar bestanden, aber heute erst realisiert, dass der Anmeldetermin für den Einbürgerungstest im Januar längst verstrichen ist. Nachmelden güldet nicht.
    Nächster Termin für den E-Test: Februar.
    Zu spät für den Doppelpass, sagt die Ausländerbehörde.
    Okay. Dann kann er sich mit der Einbürgerung jetzt auch Zeit lassen, sofern es nicht irgendeine Seehofer'sche Verordnung mit einer konzilianten Übergangsregelung gibt. Groß angekündigt war das eigentlich, aber bisher ... ?
    Zentral ist die Frage eines Aufenthaltstitels nach dem 31. Januar. Die muss er jetzt beschleunigt angehen.
    Vielleicht klappt's ja mit 'ner Blauen EU-Karte, die Voraussetzungen hätte er eigentlich ...

    Mann, Mann, Mann. Den Letzten beißen immer die Hunde.
     
  4. Alubehütet
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    Alubehütet Well-Known Member

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    Wird wohl nicht nur ihm so ergehen. Läuft ja alles auf einen worst case hinaus, mit sehr wenig Klarheit und sehr wenigen Vereinbarungen.
     
  5. Bintje
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    Bintje Well-Known Member

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    Nee, da wird er kaum der Einzige sein. Wobei man aber auch sagen muss, dass er's zeitiger hätte angehen können und nicht in gewohnter Happy-go-lucky-Manier. Egal. Hätte, hätte, Fahrradkette. ; )

    Klarheit besteht insofern, als dass Briten nach dem Brexit einfach nur Drittstaatler sind und sich um einen Aufenthaltstitel kümmern müssen. Und einen ganzen Rattenschwanz von Zeugs, der damit zusammenhängt. Anders als zum Beispiel türkische Staatsbürger, für die aber durch bilaterale Abkommen etliches geregelt ist, sind Briten das wahrscheinlich überwiegend nicht gewöhnt. Der Brexit betrifft ja in erster Linie eine Generation, die mit den Vorteilen der EU-Mitgliedschaft vertraut ist. Was das Reset auf den Drittstaatler-Status bedeutet, wird einigen Leuten wahrscheinlich jetzt erst richtig klar. Andere waren schneller, haben vorgesorgt, zügig einen Doppelpass beantragt und die Schäfchen ins Trockene gebracht.

    Aber im obigen Fall dürfte der Zug für den Doppelpass mit 99,99%iger Sicherheit abgefahren sein. Zwar hat er nun alle Papiere beisammen bis auf den Einbürgerungstest, aber für den Januar-Termin hätte er sich bis Anfang Dezember anmelden müssen (Ausschlussfrist). Da träumte er noch von der Weisheit der britischen Wähler. Autsch! :confused:o_O:eek:
     
    Zuletzt bearbeitet: 17 Januar 2020
  6. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Das trifft sogar für die politische Elite der Brexitgegner zu.
    Die ewige Frage der EU-Gegner ist ja die: was bringt uns die EU außer Abgaben und Überregulierungen?
    Die einfache Antwort ist die: es gab noch nie so lang andauernde Friedenszeiten in Europa, seitdem die EU existiert. Und es gibt Menschen, etwa am Balkan oder in Irland, bei denen die Erinnerung an Krieg noch ziemlich frisch ist.
    Nur ganz Demente wisse nicht, wozu die EU da ist.
     
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  7. Bintje
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    Bintje Well-Known Member

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    In der Zwischenzeit ist vieles passiert, May trat ab, Johnson kam - und heute ist es so weit: sie gehen. Offiziell.
    Nun folgt das Kleinklein, das Aushandeln eines Vertrages mit der EU, den es dann geben wird oder nicht.

    Heute früh lieferte die SZ ein schönes Interview mit dem emeritierten Germanistik-Professor Nicholas Boyle von der Universität Cambridge. Er meint, die Briten würden erst im Dezember aufwachen, wenn die Verhandlungen gelaufen seien. Die Spannungen auf der Insel würden zunehmen, Nordirland sich womöglich als erstes abspalten und sich der Republik Irland anschließen, gefolgt von Schottland - und Klein-England könne womöglich irgendwann als 51. Bundesstaat der USA enden. Befremdliche Vision. Letzte Frage:

    "Und wann kommen die Briten zurück in die EU?

    In zehn Jahren vielleicht, nach der endgültigen Niederlage der Konservativen? Ich bin irischer Staatsbürger, insofern kann ich das einigermaßen von außen betrachten."

    Tatsächlich sieht er das m.E. keineswegs von außen, sondern mit kulturpessimistisch umwölkter Düsternis - aber lest selbst.

    https://www.sueddeutsche.de/politik/brexit-eu-boyle-interview-1.4773620

    Eine britische Bekannte, tieftraurig über den Brexit, erträgt es so wenig, ausgerechnet heute auf der Insel zu sein, dass sie kurzentschlossen einen Flug nach Hamburg gebucht hat und das Wochenende bei gemeinsamen Freunden verbringt. Sie neigt nicht zu Dramen, aber die siegestrunkenen Brexiteers gehen ihr so höllisch auf den Zwirn, dass sie um 23 Uhr lieber in Europa sein will als daheim. Welcome! Und: Cheers! ;)
     
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  8. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    @Bintje
    Bis zum 31. 12. bleibt erst mal alles wie gehabt. Da kann noch viel Wasser den Bach runter gehen, oder wie das Sprichwort heißt. :)
    Iren, Schotten, Waliser müssen ausgezahlt werden für die Einbußen.
    Spätestens, wenn nur noch englische Kicker in der ersten Liga aufspielen, kommen sie wieder zurück. :)

    Aber du hast recht: ohne die Briten ist die EU unvollständig. Aber wie ich die Briten kenne, werden sie Sonderregelungen aushandeln im Sinne einer privilegierten Partnerschaft, also quasi Türkei-Status.

    Cheers!
     
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  9. Mendelssohn
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    Mendelssohn Well-Known Member

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    Die Brexiters haben vorm Parlament ausgelassen gefeiert. Ich frage mich, was sie gefeiert haben? Glauben sie, dass sie so wieder die Kontrolle über die Weltmeere bekommen. Es gibt noch Briten, die sich an Indien als britische Kolonie erinnern. Gerade die Ü80, hürte ich vor zwei, drei Tagen im Radio, seien von den Brexitwerbern aktiv besucht worden. Man habe den alten Leuten erklärt, dass man aus der EU raus müsse, damit Deutschland nicht zu stark werde - wie damals, und stattdessen die Briten wieder zu alter Stärke gelangen. Deutschland eignet sich im Unterschied zu Frankreich oder den stark subventionierten Ex-Ostblockländern offenbar besser als Buhmann. Dies an die Adresse derjenigen, die meinen, man müsse "es" nach "75 Jahren" nicht mehr so hoch hängen.
     
  10. Alubehütet
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    Alubehütet Well-Known Member

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    Was für ein Bullshit :(

    Ob wir wollen oder nicht – Deutschland ist jetzt der EU-Hegemon. Wie will Groß-Britannien da jetzt noch auf Augenhöhe kommen mit uns? Nicht einmal als weiterer Bundesstaat der USA.
     
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